stylebitch

you say i’m a bitch like it’s a bad thing …

Remembering A. – Der Song zum Sonntag #5

Posted by stylebitch on November 10, 2007

Es war mir gar nicht aufgefallen, dass er fehlte. Waren doch einige meiner ehemaligen Schulkameraden nicht zum 10-jährigen Abi-Treffen erschienen. Familienverpflichtungen, Urlaub, was besseres zu tun … Verständlich, normal, c’est la vie, non? Wir spielten schon den ganzen Abend “Und, was machst du so?”, gar nicht mal unspannend, doch richtig verändert hatte nur ich mich. Blond, schwul, hauptberufliche Medienschlampe, H&M-Smoking (by Viktor & Rolf) zum pinkfarbenen Shirt mit dem Aufdruck “Fuck Rehab“, vom fiesen Pinot aus dem Tetrapack (wofür hatte ich eigentlich 8 Euro gespendet?) bereits ziemlich angeheitert – sicher nicht jedermanns cup o’tea.

Ich fühlte mich wie für einen Abend erneut eingeschult zu werden, und merkte andererseits erschreckend deutlich die Distanz, die seit damals zwischen mir und der versammelten Runde, ja zwischen uns allen gewachsen war. Die Gegend, die Gebäude, die Lehrer, alles betrachtete ich irgendwie von unten und oben gleichzeitig: als kleiner Schüler und Erwachsener, dem all das langsam fremd wird. Gott bin ich alt, dachte ich. Nur wenige hatten schon Kinder, ich wenigstens einen Hund.

Das Wiedersehen neigte sich eigentlich schon seinem Ende zu, als mich jemand fast beiläufig fragte, ob ich “das mit A.” wüsste. Ich hatte keine Ahnung was er meinte, bemerkte jetzt bloß, dass A. nicht anwesend war. “Er ist letzten November gestorben. Leukämie.” Gestorben. Leukämie. Mein Gehirn versuchte krampfhaft diese Worte mit A. in Verbindung zu bringen. Vergeblich. “Das kann nicht sein”, antwortete ich. November. Tot? Doch nicht A., unser ultra abgehärteter Quoten-Brite, der auch noch bei Minusgraden in Shorts zur Schule kam, der nie krank war. Tot. Unser Mathe- und Physik-Ass, das ab der 7. Klasse bereits zu Förderkursen an der Universität geschickt wurde, damit es sich nicht so langweilte, während wir mit Sinus und Kosinus kämpften.

Es konnte einfach nicht wahr sein. Nicht A., dessen Mutter sich einmal einen Rock und ihm einen Sportbeutel nähte, aus dem gleichen Stoff. Dessen Vater ein international anerkannter Physiker ist. A., dem wir es aus Neid auf seine Begabung (er war natürlich auch in Englisch ein Ass und ein musikalisches Naturtalent) oft schwer machten, ihn ausschlossen, hänselten, mitunter ziemlich fies zu ihm waren. Gleichzeitig – das können wohl nur Schüler – hatten wir uns oft gegenseitig außerhalb des Gruppenzwangs besucht. Er half mir bei Mathe, ich ihm mit Faust & Co, wir brausten mit unseren Rädern durch den Sommer und verstanden uns – bis vors Schultor – ziemlich gut. Eine Zeit lang hatte ich ihn auch mehr als nur gern.

In einer gespenstischen Zeremonie toasteten wir ihm zu, wie bei „Dinner for One“ dachte ich kurz. Ein Mitschüler, wie A. mittlerweile ein gefeierter Nachwuchsphysiker mit Doktortitel und auf dem Weg zur Professur, hatte A. ein paar Monate vor dessen Tod besucht. A. arbeitete bis zuletzt wie besessen, versuchte, so viel abzuschließen, wie ihm körperlich noch möglich war. Ich hielt es nicht mehr aus, ich musste gehen. Sofort. Wir versprachen uns, dass man sich sähe. Irgendwann, irgendwo, irgendwie.

Stocknüchtern lief ich ein paar Blocks, dann im Stechschritt weiter, als wäre der Tod hinter mir her. Und ein wenig war es so. Nie zuvor war mir die Endlichkeit unserer irdischen Stippvisite so bewusst, wie in jener kalten Nacht. Wenn es jemanden treffen konnte, der körperlich und geistig so mega-gesund war, trifft es in der Tat jeden. “Und durch meine Finger rinnt die Zeit …

Den Rest des Weges schluchzte ich still in mich hinein, ich vermisste A. plötzlich unglaublich doll. A., mit dem ich später in der Oberstufe viele tolle Gespräche führte, mit dem wir bei den Abitur-Partys mächtig Spaß hatten, der nie so war wie alle, immer etwasseltsam, querky, echt British halt. Mit ihm, das war mir völlig klar, war auch ein Puzzleteil meiner Jugend verschwunden. Sie löste sich langsam auf. Die Lehrer von einst werden pensioniert werden, irgendwann Pflegefälle, sterben. In 10 Jahren werden wir wieder einem, einiger (?) Ex-Schulkameraden gedenken, uns kaum noch erkennen, vielleicht Mütter oder Väter verloren haben. Wow, was für ein abgefucktes System! Carpe diem, lesson learned.

Als Abschiedsbotschaft an A. poste ich hier das Stück “Vincent” (Lyrics by Don McLean), gesungen von Josh Groban. Das hat mich auch vor A.s Tod immer sehr bewegt. Besonders die Zeile “They would not listen, they did not know how” passt recht gut darauf, wie schwer wir es ihm früher mitunter machten. I’m so very, very sorry, mate! Can you ever forgive me, us?

See you …



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