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you say i’m a bitch like it’s a bad thing …

Ute trifft Tanja. Eine CD-Kritik für zwei Sängerinnen. Von StyleBitch.

Posted by stylebitch on January 23, 2008

Was ich hier vorhabe, ist riskant, unorthodox, irgendwie wahnsinnig willkürlich und vermutlich äußerst ungerecht. Und vielleicht deshalb für mich gerade völlig einleuchtend. In den letzten zwei Wochen sind nämlich zwei neue Alben in meinen Besitz gelangt, also in mein “Billy”-Regal gezogen, die ich gern in einem Post besprechen würde. Neue, extrem persönliche Werke zweier faszinierender Künstlerinnen, die jede mit einem anderen Konzept in meinen kleinen Showdown zieht.

cover_ute1.jpgZunächst erreichte mich das neue Album von Ute Lemper, das den Titel “Between Yesterday and Tomorrow” trägt. Als durchaus großer Lemper-Fan, spätestens seit ich sie mit dem Programm “But one day” in der Hamburger Musikhalle sah, freute ich mich riesig über neuen “Stoff”. Meine liebsten Stücke der Lemper (aus den letzten Alben):

“All that jazz”
“Don’t tell mama”
“Nanna’s Song”
“The Lavender Song”
“Punishing kiss”
“The case continues”
“Passionate fight”
“Couldn’t keep that to yourself”
“Streets of Berlin”
“Ladies who lunch”
“It’s only a paper moon”
“Moon over Bourbon Street”

Wie auch Tanja Ries hat Ute Lemper auf diesem Album Texte und Musik selbst geschrieben. Wie sich Texte bei Ries anhören lest ihr weiter unten. Bei Ute Lemper hört sich das zuweilen so an, etwa im ersten Track “The Greatest Ride”: “Hey, is anyone out there, is anyone in my home…” Das klingt nicht nur putzig naiv, es ergibt leider auch gesungen mit der Melodie keine homogene Einheit. Hier erwehren sich die Worte nicht nur der Zunge ihrer Interpretin, sondern auch den recht belanglosen Noten, auf denen sie fließen sollen. Wie Motorboote, die man vergessen hat, vom Steg loszubinden.

“Stranger Friends” setzt sich irgendwie nach dem 7. Hören ein wenig im Gehörgang fest, wenn es auch Fahrstuhlmusik bleibt.

Mit “Blood & Feathers”, zuvor bereits auf dem im legendären New Yorker Café Carlyle aufgenommenen Album gleichen Namens veröffentlicht, wird es musikalisch endlich wieder vielschichtig, spannend, mysteriös, hier gibt Ute Lemper einige Kostproben ihrer wahrlich außergewöhnlichen Stimme. Sie haucht, sie streichelt die Worte mit ihrem leicht rauchigen Timbre, sie begehrt dramatisch auf, es entsteht ein Flow aus den Grundbeats und dem Akkordeon, es braucht nicht ihren signature scream, um ein wunderbares Lied zu haben.

“Luna” wiederum ist ein merkwürdiges Electro-Loungemusik-Stück, dessen sperriger, leider aber auch reichlich banaler Text ziemlich schnell nervt. Es sind solch artifiziell intellektuelle lyrics, die enttäuschen, verwirren (schließlich dürfte Frau Lemper nach über acht Jahren in New York nicht um englische Worte verlegen sein …) – und frustrieren. Denn man will dieses Werk, das mit so viel Herzblut und Engagement entstand, eigentlich mögen.

Bei “Ghosts of Berlin” ist man dann nur noch ratlos. Hier verarbeitet Ute Lemper Mauerbau und Mauerfall, der Refrain besint die “10260 days“, die zwischen diesen beiden einschneidenden Geschehnissen vergingen. Doch die Vermenschlichung oder gar Poetisierung der Mauer und die softe Kritik an der Boomtown Berlin, die die Mauertoten hinter sich ließ und unter Glaspalästen begrub, sind unkonkret und zahm, vor allem zu Spa-Musik-Geplänkel anstrengend zu ertragen.

Das nächste Lied, “Wings of Desire” fängt gleich wieder mit einer Zahl an, “1100 faces“, in der nächsten Zeile geht es gleich wieder um “barbed wire” – in völlig anderem Kontext und doch fragt man sich: gibt es nicht auch noch ganz viele andere schöne Worte?

Ute Lempers live einfach nur überwältigende Stimme, ihre rohe Hingabe, ihr selbstbewusstes Spiel mit dem Publikum, ihre hypnotische Bühnenpräsenz – all das versagt sie sich auf dieser CD. Sicher, öfter mal was Neues. Doch man wird beim Hören das Gefühl nicht los, dass sich eine Künstlerin hier mit großen Schritten ihrer phänomenalen Beine von ihrer Kernkompetenz, ihrem wahren Talent, der hingebungsvollen Interpretation, weg bewegt, ohne jedoch schon vergleichbar sicheres Terrain erspäht zu haben. Ihre Bilder dagegen, die das Cover der CD zieren, sind definitiv Beweis für ihre vielfältigen Begabungen, sie sind düster, verstörend, schön. Ich würde sogar sagen, sie Edvard Munch’en ein wenig.

“Nomad” mischt Ofra Haza (you are severely missed!) mit Betroffenheits-Ethno-Pop, der sich am Nahostkonflikt abarbeitet musikalisch aber nirgends ankommt. Der arabische Opening-Text, ebenfalls von Ute Lemper gesprochen, ist das Beste an dem Track.

“Here is love” ist cool und jazzy und Ute Lemper spielt wie einst bei “Chicago” mit den feinen Nuancen in ihrer Stimme. Der Text ist angenehm kurz, nicht mitteilungsschwanger und überfrachtet, und so macht das Stück Spaß, ist samtig, wie ein Glas Courvoisier on the rocks.

Mit “Nevada” betritt Ute Lemper wieder wackligen Boden, diesmal geht es um eine Geschichtsstunde amerikanischer Art: Die Atomversuche von ’45 bis ’62 in der Wüste Nevadas. Ist das Ausdruck einer deutschen Nachrichtenfixierung, eine vertonte Belehrung der Alten gegenüber der Neuen Welt – oder einfach nur keine gute Idee?

Viele Melodiepassagen gleichen sich leider auch wie ein Apple Martini dem anderen. Und Ute Lemper scheint zu denken, je schwieriger ihr die Passagen über die Lippen gehen, die meist total neben der Melodie laufen, wird’s erst richtig toll.

In “September Mourn” geht es dann übrigens um 9/11. Ich kann nicht mehr. Was ist aus Themen wie Liebe, Wut, Kindern und dem Wetter geworden? Hm?

Der gegeigte “Epilog” am Schluss ist kurz und knackig und stumm. Ich bleibe ungläubig und ohne Ohrwurm zurück. Auch nach dem xten Hören. Und habe echte Zweifel, ob mir diese Titel, bis auf “Blood and Feathers”, wenigstens live Spaß machen würden. Und dabei wollte ich dieses Album doch einfach nur gern haben.

P.S. Dennoch wünsche ich “Between Yesterday and Tomorrow” allen Erfolg und so viel Publikum wie möglich, einfach weil es ein mutiges Projekt bleibt, so etwas in Familienregie auf die Beine zu stellen, im eigenen Studio aufzunehmen und zu promoten. Und das eigene Baby zu verstoßen wäre auch wirklich zu viel verlangt. Bloß ich habe einfach keine rechte Lust darauf, mit ihm zu spielen.

cover320.jpgEhe ich mich “Liebe mich“, dem neuen Album von Tanja Ries widme, ein ganz großes Dankeschön an André, der mir überhaupt erst von dieser im positivsten Sinne süchtig machenden Künstlerin erzählt hat. Habe mir dann einige Tracks des Vorgängeralbums “Metanoia” geituned und war schon vom bloßen Hören schwer begeistert. Texte wie weise Gedichte, süffig eingebettet in Klänge, die den Hörer mitnehmen, ins Zentrum der Worte, und weiter darüber hinaus, weiter, bis zum Quell der eigenen Gefühle. Wenn man sich öffnet. Und das fällt leicht, hat man auch nur einer Handvoll der 12 Tracks des neuen Albums “Liebe mich” andächtig gelauscht.

Dennoch hatte ich keine konkrete Erwartung als wir ins BKA kamen, um Tanja Ries am letzten Abend ihrer Promo-Konzertreihe für die neue CD live zu erleben. Ich freute mich einfach auf Worte wie streichelnde Federn, wahr, ehrlich, wunderschön aneinandergereiht, wie ungeschliffene, unregelmäßige Tahitiperlen. Was dann geschah beschreiben die Engländer als pure bliss. Es war wie eine Meditation ohne abzudriften, wie gebannt hing man an den Lippen von Tanja Ries, wie Kolibris, die aus einem Blütenkelch noch den allerletzten Nektartropfen saugen wollen. Ich habe so etwas unheimlich lange nicht mehr erlebt, zuletzt bei Eddy Winkelmanns Meer-Programm, das zwar sprachlich in einer anderen Liga spielte, als Gesamtkonzept jedoch ähnlich betörend geriet.

Ich könnte jetzt wohl alle Texte der CD als Beispiel für Ries’ ungestelzte Sprachvirtuosität posten, habe mich exemplarisch für den von mir heißgeliebten Track “Bedecke mich” entschieden.

bedecke mich

bedecke mich mit all deiner Liebe
ich bedecke dich mit allem was ich hab dafür
und für dich ist es dann Liebe
und mich traf es wie einen Schlag und ich ging durch diese unbekannte Tür
und nun bist du trunken
und ich wanke für dich
und bist du verwundet
so trag deinen Schmerz alleine ich
bist in mir versunken
und ich finde mich nicht
mal mehr in all den Stunden
da du mich nie vergißt

bedecke mich …

und nun bist du trunken
und ich wanke für dich
nun bist du gebunden
und die Fesseln trage ich
bist von der Welt verschwunden
doch du findest mich nicht
mal mehr in den Sekunden
da du mich küsst

bedecke mich …

und nun bin ich trunken
und erkenne dich nicht
hast mich doch gefunden
und ich dachte du erlöst mich
kann Liebe denn verwunden
ist es mein Herz dass so sticht
in all den dunklen Stunden
da ich mich so sehr vermisst

bedecke mich …

In sanfte Electronic-Beats verpackt, mit glasklaren Samples angereichert, als (fast schon) Dancetrack, als ruhiger Tango – Ries’ abstrahierte Geschichten vom Leben, vom Lieben und so vielem mehr bilden mit jeglicher Form von Musik untrennbare Sinneinheiten. Alles fließt, doch nichts ist beliebig. Wo Ute Lemper thematisch zu viel will, ihr die Botschaft bei der Wortwahl im Weg zu stehen scheint, geht Tanja Ries im Endeffekt viel tiefer in Probleme, Gedanken und Situationen hinein, auf Metaebenen, und weiß diese dann so betörend aufzuschreiben, das es eine Wonne ist.

Auch musikalisch liegt in der Ruhe eindeutig mehr Kraft, als im theatralischen Aufbäumen gegen den Mainstream. Dabei haben beide Frauen Stimmen, die ihnen viele Freiheiten lassen, und La Lemper liegt dabei eindeutig eine Oktave vorn. Doch macht sie, zumindest für meinen Geschmack, auf dem jüngsten Album zu wenig Gebrauch davon.
Tanja Ries geht dafür ohne Manierismen an ihre Stücke, dosiert Phrasierungen und vertraut auf ein Plain & Simple-Prinzip. Ein klein wenig erinnert ihre Stimmfärbung und -höhe an Marianne Rosenberg, wenn sie mal nicht “Er gehört zu mir” trällert, sondern wie auf dem gelungenen Konzeptalbum “5 Tage und 5 Nächte” herumexperimentiert. Ute Lempers Textertalent und die sehr durchwachsene musikalische Seite reichen derweil nicht aus, um diesen Battle of the Brave für sich zu entscheiden.

4 Responses to “Ute trifft Tanja. Eine CD-Kritik für zwei Sängerinnen. Von StyleBitch.”

  1. Chapeau, lieber Kollege. Ich wünschte, ich hätte so treffende Worte finden könne wie Sie.🙂 Merci auch für Trackback & Co.

  2. … wundervoll, wie elegant Sie über Tanja Ries schreiben! Sprachlich ein Fest! Es ist einfach gut zu wissen, dass da draußen Blogger leben, die viel lesenswerter über Kultur informieren als so manche Feuilleton-Seite.
    …und ich freu mich immer mehr auf meine neue Ries-CD, wenn amazon dann Mitte Februar mal liefern wird… An Marianne Rosenberg musste ich übrigens auch schon denken, aber es gibt wohl Schlimmeres…😉

    Liebe Grüße aus Kartoffelhausen!

  3. stylebitch said

    @kleinekartoffel: Herzlich willkommen, in meinem bescheidenen Web-Palais!! Die Sprache kam mit dem Thema, hab ich quasi nur als Medium was mit zu tun gehabt😉 Aber ganz lieben Dank!!! *erröt*

    Eben, nix gegen Marianne, die hat – leider nicht erfolgreich – einige sehr nette Tracks aufgenommen.

    Muss jetzt Wäsche aufhängen lassen.

    Cheers!!

  4. stylebitch said

    @André: De rien! Ich habe zu danken, denn ohne Ihre Einführung wäre dieser Text nur halb so lang.🙂

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